“Ich bin noch auf der Reise – genau wie die anderen“

Kein fester Mitarbeiter bei xeomed und dennoch eine große Stütze für uns: Prof. Ferdinand Rohrhirsch, der sich seit 2016 monatlich Zeit für jeden einzelnen Mitarbeiter von xeomed nimmt. Im Interview steht er uns Rede und Antwort – rund um xeomed, seinen außergewöhnlichen Beruf und Actionfilme.

Herr Rohrhirsch, Sie besuchen uns jeden Monat – um was zu tun?

Ich bin hier der „Betriebscoach“, wenn Sie so wollen. Insofern versuche ich, mit den Mitarbeitern zu agieren und neue Fragen aufzuwerfen, im Sinne von: „geht’s mir hier gut?“, „was möchte ich anders machen?“ und „wo sehe ich Reibepunkte?“ Und das alles ohne es – wie soll ich sagen – dem Chef auf die Nase zu binden. Ich bin also so eine Art Zwischenglied, dem man vieles sagt, aber der faktisch, zumindest unmittelbar, wenig ändern kann.

 

Was bringt das dann?

Ich selbst und meine Fragen sollen für meine Gesprächspartner eine Perspektivenerweiterung ermöglichen. Kurz gesagt, ich bin einer, der bei einer Standortbestimmung behilflich ist. Das ist vielleicht der beste Ausdruck. Meinen Auftrag sehe ich darin, jedem Mitarbeiter behilflich zu sein, seinen eigenen Standort zu reflektieren und das ist im Grunde immer mit einer Perspektivenerweiterung verbunden. Daraus entspringt der doppelte Gewinn eines erfolgreichen Coachingprozesses: die Erweiterung der Perspektive des Mitarbeiters ist zugleich die Erweiterung der Perspektive des Unternehmens. Freiwilligkeit ist dabei jedoch absolute Bedingung.

 

Sie sind nun schon eine Weile bei uns. Wie ist Ihr Eindruck?

Also ich habe noch nie so ein wahnsinnig lebendiges Unternehmen gehabt. Ich bin jetzt 59 Jahre alt und habe in beruflicher Hinsicht eine Reihe von Erfahrungen gemacht: von der Automobilbranche über Pflegeheime bis hin zu Mittelständlern, die Schrauben oder andere Dinge herstellen. Und nun bin ich hier in ein Unternehmen gekommen – so eins hatte ich noch nie. Ich habe den Eindruck, mit dem Eintritt bei xeomed werde ich auch jünger. (lacht)

 

So jung wie xeomed…?

… ja. xeomed ist noch ganz am Anfang. Und die meisten Mitarbeiter hier sind Anfang 30 – ein Großteil ist erst relativ kurz dabei. Ich habe den Eindruck, wöchentlich kommen neue und keiner geht mehr. Und das alles in eine Balance zu bringen beziehungsweise darin zu halten, ist Teil meiner Aufgabe.

Und diese Form von Zuordnung, die verändert sich auch ständig. Das macht‘s so schön, weil diese Entwicklung monatlich greifbar ist. Es ist immer ein bisschen anders. Und ich bin einfach mit drin und – das klingt jetzt vielleicht arrogant – kann mitgestalten.

 

Betreuen Sie ansonsten eher tendenziell größere, handwerklichere Unternehmen?

Ja, ab 200 Leute. Und hier ist es, wie gesagt, ganz, ganz anders. Das hätte ich nicht gedacht. Aber umso motivierter macht mich das, auch das Ganze einmal mitzubekommen, also wie alles beginnt, wenn eine Firma noch jung ist.

 

Würden Sie sagen, xeomed ist so ein typisches kleines Unternehmen, das wächst – und das sind so typischen Probleme, wenn man eben größer wird?

Durch die Online-Tätigkeit wird alles noch etwas komplizierter, aus meiner Sicht der Dinge. Denn hier verschiebt sich alles permanent, je nachdem, was sich im Online-Markt bewegt. Da kann man nicht sagen, das ist unser Fokus, da bleiben wir. Da wächst dann parallel etwas, das müssen/wollen wir auch besetzen. Also von daher denke ich mir, ist es auch insofern nicht ganz so „normal“, was hier abgeht. (schmunzelt)

 

Der Beruf des Betriebscoachs ist nicht mit der Ausbildung zum Bäcker oder Kaufmann vergleichbar – wie wird man das denn?

Im Grunde durch Zufall, ich nenne es Fügung. Durch Weiterfragen.

Am Anfang, da habe ich in Ulm in der Reisezugauskunft gearbeitet. Zu meiner Zeit gab es noch kein Internet, nur so ein schweres dickes Buch, das hieß „Kursbuch der Deutschen Bundesbahn“. Das hatte ungefähr 800 Seiten gehabt und das konnte nicht jeder lesen – ich schon. Und die Menschen kamen zu mir, weil sie irgendwo hinfahren wollten. Und im Grunde mach ich immer noch dasselbe: Ich berate Menschen auf ihren Lebenswegen. Und die wissen manchmal auch nicht, wo sie hinfahren wollen oder sollen.

Coaching verstehe ich dabei jedoch nie als bloßen Zielerreichungsprozess, sondern als Fortbildung im besten Sinne des Wortes. Das sich jemand innerhalb seiner Arbeitszeit Gedanken über sich selber machen kann, Selbstreflexion zum Bestandteil der beruflichen Arbeit gehört – das ist unglaublich nützlich. Denn, wie schon gesagt, die Perspektivenerweiterung, die eine Selbstreflexion mit sich bringt, nutzt meinem Gesprächspartner und dem Unternehmen. Nur, wer weiß, wo er steht, kann sich qualitativ verändern.

Aber wie ich‘s geworden bin…? Das ging so ineinander über. An der Universität ist es wichtig zu reden. Doch wer wirklich gut lehren will, der muss auch zuhören können – und wollen. Und dann hat das im Grunde irgendwie privat angefangen und sich immer mehr verfestigt und irgendwann habe ich gesagt, das will ich jetzt als Beruf machen – und mach das jetzt seit etwa 15 Jahren.

 

Da haben Sie sicherlich ganz schön viele Geschichten miterlebt. Möchten Sie ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern?

Ach, ja. Papiertaschentücher sind unerlässlicher Bestandteil einer Coachingsitzung. Dreiviertel meiner Gesprächsteilnehmer sind eben weiblich. Aber… Männer weinen auch, nur haben die öfter die Schwierigkeit, nicht mehr aufhören zu können. Das ist schon schlimmer, weil die so viel zurückgestaut haben. Was heißt schlimmer, es ist das Bedenkliche, das Traurige an der Sache.

Oder: Da ist der 25-Jährige, der zwangsbefördert wurde und auf einmal 30 Mitarbeiter zu führen hat, die fast alle älter sind als er. Wo er sagt, ich habe keine Ahnung, wie ich das angehen soll. Ich hab Muffe wie die Sau. Können Sie mir nicht ein paar Tricks zeigen? Die Tricks kann man alle aus dem Internet ziehen oder in Seminaren lernen. Aber im Grunde geht’s darum nicht. Meine Aufgabe sehe ich darin, diesen Menschen, der da vor mir sitzt, stark zu machen – und das kann man nur über einen längeren Zeitraum hinweg. Wo ich dann sag, riskier‘s doch. Jeder von denen weiß, dass du neu bist. Und keiner wird’s dir krummnehmen. Ganz im Gegenteil, wenn die erfahren, dass du das gern machst und was lernen willst und überhaupt auf die Expertise deiner Mitarbeiter angewiesen bist und das zum Ausdruck bringst, ist es eigentlich viel leichter – sie sehen, du nimmst sie ernst.

Es gibt viele schöne Situationen. Wie zum Beispiel Herausforderungen, die Menschen zunächst schlaflos machen, und sich dennoch, mit der Zeit, eine Zuversicht einstellt, dass das zu schaffen ist – und es dann auch tatsächlich geschafft wird. Diese Momente, diese glückenden Entwicklungen überwiegen eindeutig.

 

Sie persönlich wirken in den Sitzungen immer sehr gelassen, mit sich im Reinen. Als bräuchten Sie kein Coaching.

Nein, das täuscht. Auch ich bin noch auf der Reise – genau wie die anderen. In bestimmten Situationen bin ich genauso verzweifelt, ratlos und dreh mich im Kreis wie andere Menschen auch. Ich bin weit davon entfernt, alle Fragen beantwortet zu haben. Und wenn ich in der Versuchung wäre, dann könnte ich andere nicht mehr verstehen. Dann könnte ich ihnen nur noch Rezepte geben.

Solche Menschen, die schon fertig sind mit sich, die wissen, wo es langgeht, die auf alle Fragen schon Antworten haben – die können dann auch nichts mit mir anfangen. Die brauchen mich nicht. Man arbeitet also immer nur für bestimmte Leute, für die eher Nachdenkenden wie Nachdenklichen …aber das sind dann doch mehr als gedacht.

 

Gehen wir zum Schluss noch ein wenig auf Sie persönlich ein. Was wollten Sie als Kind werden?

Ach, wissen Sie, mein Vater und mein Großvater – alle waren bei der Eisenbahn. Und so ging ich da auch hin. Aber die Deutsche Bundesbahn hatte zu meiner Zeit zu viele Mitarbeiter gehabt. Deshalb sollte ich rangieren und das wollte ich nicht und zugleich hatte ich aber auch keine Alternative. Aus dieser Alternativlosigkeit heraus bin ich wieder zur Schule gegangen. Ich habe dann angefangen, viel zu lesen und bin dann von der Literatur auf die Philosophie gestoßen. An der Katholischen Universität Eichstätt habe ich mich dann an der Theologischen Fakultät eingeschrieben, und konnte dort auch viel Philosophie mitnehmen.

Ich hatte zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung, was ich danach machen könnte. Das war auch gar nicht so relevant für mich, das Thema hat mich eben interessiert. Anschließend bin ich dann irgendwie an der Uni hängen geblieben und habe immer mehr gemerkt, Philosophie kann man auch zur Lebensbewältigung nutzen.

 

Und wie?

Mir ist aufgefallen, wenn ich mit Menschen rede, dann philosophieren die – auch wenn sie es anders nennen würden. Und das sind allermeist Menschen, die mitten im Leben stehen und dennoch noch nicht mit sich fertig sind. Die noch Fragen haben, die noch weiße Flecken in ihrer Seelenlandschaft haben und darauf neugierig sind. Ich kann zwar nicht sagen, wie jemand sein Leben zu leben hat, aber ich kann ihn zeitweise begleiten. Jeder soll bei mir das Gefühl haben, ich bin für ihn da. Ich will niemanden beurteilen, ich will den anderen verstehen. Es ist ein sehr schöner Beruf und ich glaube, ich habe das Richtige für mich gefunden.

 

Wenn Sie einmal nicht als Betriebscoach unterwegs sind, was machen Sie in Ihrer Freizeit?

Ich versuche, jeden zweiten Tag eine Stunde Nordic Walking zu machen, das gelingt mir auch. Und ich interessiere mich noch ein wenig für Modelleisenbahnen. Ansonsten lese ich gern, zum Beispiel Martin Heidegger. Und manchmal schaue ich Fernsehen. Je trivialer, umso lieber. Keine Problemfilme.

 

Was heißt das, Rosamunde Pilcher oder eine Dokusoap auf RTL II? Oder doch lieber der Tatort?

Ach, nein, Tatort habe ich zum letzten Mal 1985, glaub ich, gesehen. Heute kann ich den Hype nicht mehr verstehen, da werden ganze Parallelwelten um die Tatort-Kommissare gebaut.

Rosamunde Pilcher eher nicht so. (lacht) Aber was ich gerne anschaue, sind die Simpsons. Oder Big Bang Theory, wo man sich teilweise als Wissenschaftler wiederfindet. Auch Actionfilme schaue ich gerne, wo es einfache Lösungen gibt. Von den Transformers bis zu Arnold Schwarzenegger und Bruce Willis.

Alles in allem habe ich doch ein sehr regelmäßiges Leben. Ist vielleicht schon recht spießig, weil langweilig – von außen gesehen. Aber ich bin jetzt auch nicht der Actiontyp.

 

Herr Rohrhirsch, Sie sind verheiratet. Haben Sie auch Kinder?

Es hat etwas gedauert, bis ich die richtige Frau fand und sie auch fand, dass ich der Richtige bin. Und insofern haben wir erst relativ spät ein Kind bekommen. Einen Sohn, Simon, 21, mittlerweile. Er studiert Lehramt Latein und Katholische Religionslehre. Da ergeben sich dann manchmal interessante Gespräche am Tisch.

 

Gibt es sonst noch etwas, was wir über Sie wissen müssen?

Ach, Sie wissen jetzt schon viel zu viel. (lacht)

 

Danke für das spannende Interview!